Wind und Sonne liefern bereits große Strommengen. Für eine verlässliche und bezahlbare Versorgung müssen Erzeugung, Netze, Speicher und Markt zusammenpassen. Einzelne Zahlen erklären dieses Zusammenspiel noch nicht.

Wenn die Stromrechnung kommt, hilft kein politischer Schlagabtausch. Familien wollen wissen, ob Energie bezahlbar bleibt. Unternehmen brauchen verlässliche Bedingungen. Und wir müssen als Kommunen entscheiden, welche Investitionen langfristig sinnvoll sind.

Mich beschäftigt diese Frage als Unternehmer und als Kommunalpolitiker. Ich möchte weder Probleme kleinreden noch jede neue Anlage ungeprüft zum Fortschritt erklären. Aber ich möchte auch nicht akzeptieren, dass zugespitzte Behauptungen die sachliche Auseinandersetzung ersetzen.

Deshalb beginne ich diese Reihe. Wir schauen auf Zahlen, erklären Zusammenhänge und fragen: Was bedeutet das für Entscheidungen vor Ort?

Was Wind und Sonne bereits leisten

Die Energy-Charts des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme ISE machen sichtbar, wie Stromerzeugung, Verbrauch, Preise und Stromhandel zusammenhängen. Für diesen Auftakt verwende ich die veröffentlichte Jahresauswertung 2025. Das ist ein abgeschlossenes Kalenderjahr, keine Momentaufnahme aus einer besonders sonnigen Woche. Die Auswertung enthält teilweise Hochrechnungen; spätere Datenrevisionen sind möglich. [1]

Windenergie erzeugte danach rund 132 Terawattstunden Strom. Photovoltaik kam auf rund 87 Terawattstunden, davon etwa 71 Terawattstunden als Einspeisung ins öffentliche Netz und knapp 17 Terawattstunden als Eigenverbrauch. Eine Terawattstunde entspricht einer Milliarde Kilowattstunden. [1]

Diese Unterscheidung ist wichtig. Strom, der direkt im Betrieb oder im eigenen Haus genutzt wird, verschwindet nicht aus der Wirklichkeit, nur weil er nicht ins öffentliche Netz fließt. Umgekehrt sagt die installierte Leistung einer Anlage noch nicht, wie viel sie im Jahr tatsächlich erzeugt.

Die Zahlen zeigen: Wind und Sonne leisten bereits einen großen Beitrag. Sie beweisen aber nicht, dass die Versorgung zu jeder Tages- und Jahreszeit allein mit ihnen gesichert wäre. Ein Jahresertrag beantwortet eine andere Frage als die verfügbare Leistung an einem windarmen Winterabend. Beides gehört in eine ehrliche Debatte.

Warum günstiger Solarstrom nicht automatisch eine günstige Rechnung bedeutet

Ein Schlüssel zum Verständnis ist die sogenannte Merit-Order. Vereinfacht werden am kurzfristigen Strommarkt die Angebote nach ihrem Preis geordnet. Die günstigeren kommen zuerst zum Zug. Das letzte noch benötigte Angebot bestimmt im vereinfachten Auktionsmodell den gemeinsamen Marktpreis für die betreffende Lieferperiode. [2]

Ein bewusst erfundenes Beispiel: Es werden 100 Einheiten Strom benötigt. Wind und Sonne bieten 50 Einheiten zu 0 Euro je Megawattstunde an, eine weitere Erzeugungsgruppe 30 Einheiten zu 60 Euro und ein Gaskraftwerk 20 Einheiten zu 120 Euro. Werden alle drei benötigt, liegt der vereinfachte Marktpreis bei 120 Euro. Er beträgt nicht den Durchschnitt der drei Angebotspreise.

Stehen zusätzliche günstige Angebote bereit, kann das teurere Kraftwerk entfallen. Mehr Wind- und Solarstrom kann deshalb den Börsenpreis senken. Allerdings hängen die tatsächlichen Preise auch von Nachfrage, Brennstoff- und CO2-Kosten, Kraftwerksverfügbarkeit und den gekoppelten Nachbarmärkten ab. Die Merit-Order ist eine Erklärungshilfe, kein vollständiges Abbild des europäischen Handels. [2] [3]

Geringe laufende Erzeugungskosten bedeuten außerdem nicht, dass eine Anlage kostenlos ist. Investition, Finanzierung und Betrieb müssen bezahlt werden. Und auf unserer Stromrechnung stehen neben der Beschaffung weitere Bestandteile, etwa Netzentgelte, Steuern und Vertriebskosten. Langfristige Beschaffungsverträge wirken ebenfalls mit. Der Börsenpreis eines einzelnen Mittags ist daher nicht der Preis unseres Haushaltsvertrags. [2] [4]

Warum unser Stromsystem europäisch ist

Deutschland betreibt keine elektrische Insel. Unser Netz ist Teil des kontinentaleuropäischen Verbundsystems. Darüber hinaus verbinden Leitungen und Stromhandel verschiedene europäische Netzgebiete. Europa besteht dabei nicht aus einem einzigen, überall synchron laufenden Netz. Technischer Netzbetrieb und gemeinsamer Strommarkt hängen zusammen, sind aber unterschiedliche Dinge. [3] [5]

Der Nutzen ist leicht verständlich: Wetter, Verbrauch und verfügbare Kraftwerke unterscheiden sich zwischen Ländern. Austausch ermöglicht, günstigere Angebote über Grenzen hinweg zu nutzen und sich bei Störungen gegenseitig zu unterstützen. Allerdings begrenzen Leitungen den Austausch. Auch europäische Zusammenarbeit braucht deshalb ausreichend Infrastruktur und abgestimmten Betrieb. [3] [5]

Ein Stromimport ist zunächst eine Handelsentscheidung. Aus der importierten Menge allein lässt sich nicht ablesen, ob Deutschland ohne diesen Handel technisch nicht hätte liefern können oder ob Strom aus dem Ausland schlicht günstiger war. Versorgungssicherheit muss gesondert untersucht werden. Ebenso wenig beweist ein Stromexport, dass im Inland zu jeder Zeit genug Leistung verfügbar wäre.

Wer europäischen Handel grundsätzlich als Scheitern darstellt, blendet seinen wirtschaftlichen Nutzen aus. Wer ihn als unbegrenzte Absicherung betrachtet, übersieht gemeinsame Wetterlagen und begrenzte Leitungen.

Warum verkürzte Behauptungen so gut funktionieren

Eine einzelne Zahl ist schnell geteilt. Ihre Erklärung dauert länger. Besonders irreführend wird es, wenn unterschiedliche Größen vermischt werden: Leistung und Strommenge, Börsenpreis und Haushaltsrechnung, eine Viertelstunde und ein ganzes Jahr oder Import und Versorgungsmangel.

Nicht jede falsche Aussage ist eine bewusste Lüge. Manche entstehen aus Unkenntnis oder einer missverständlichen Grafik. Absicht sollte man nur behaupten, wenn man sie belegen kann. Falsche Aussagen müssen wir trotzdem deutlich korrigieren, unabhängig davon, aus welchem politischen Lager sie kommen.

Mein Maßstab: Welcher Zeitraum wird betrachtet? Was genau wird gemessen? Welche Bezugsgröße steckt hinter einem Prozentwert? Und trägt die Quelle wirklich die Schlussfolgerung?

Was das für unsere Kommunen bedeutet

Für mich folgt daraus keine pauschale Zustimmung zu jedem Energieprojekt. Es folgt der Auftrag, genauer hinzusehen. Bei einer Photovoltaikanlage auf einem kommunalen Gebäude möchte ich wissen: Wann wird dort Strom gebraucht? Wie viel lässt sich direkt nutzen? Was kosten Anschluss, Finanzierung und Wartung? Was bringt ein Speicher unter realistischen Annahmen? Und wer trägt die Risiken?

Erneuerbare Energien, Netze, Speicher, flexible Verbraucher und gesicherte Leistung müssen zusammenpassen. Wir sollten den Ausbau deshalb an seiner Wirkung messen: weniger Emissionen, tragfähige Kosten und eine verlässliche Versorgung.

Ich halte erneuerbare Energien für einen wesentlichen Teil unserer Zukunft. Gerade deshalb will ich offen über ihre Voraussetzungen und Grenzen sprechen. Diese Reihe soll helfen, gute Fragen zu stellen und bessere Entscheidungen zu treffen. Dafür muss niemand ein Strommarktstudium absolvieren. Ein genauer Blick auf die Fakten ist ein guter Anfang.

Quellen und Datenstand

Veröffentlicht und Quellen geprüft am 17. Oktober 2026. Die Zahlen beziehen sich auf die veröffentlichte Fraunhofer-Jahresauswertung 2025, nicht auf einen aktuellen Datenexport. Spätere Datenrevisionen sind möglich. Das Preisbeispiel ist frei konstruiert.

  1. Fraunhofer ISE: Jahresauswertung 2025 (01.01.2026; teilweise Hochrechnungen)
  2. Bundesnetzagentur / SMARD: Großhandelspreise
  3. Bundesnetzagentur / SMARD: Grenzüberschreitender Stromhandel
  4. Bundeswirtschaftsministerium: Bestandteile des Strompreises
  5. ENTSO-E: One System Vision for 2030

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